Rezensionen

CD-Kritiken


 Diskografie

Mit César Francks Prélude, Choral et Fugue von 1884 eröffnet ein voluminöses und gefürchtetes Klavierwerk das Programm. Mit Vergnügen vernimmt man, wenn es einem Pianisten gelingt, die technische Bewältigung von Francks Texturen neben der Vermittlung von deren emotionaler Semantik bedeutungslos erscheinen zu lassen. Vielhaber präsentiert eine anrührende Phrasierung der seufzenden Kantilene, welche zwei Mal die Figurationen des Präludiums durchbricht, und entfaltet im darauf folgenden Choral eine Melodie von bemerkenswerter Tragweite. Die größte Herausforderung dieses Mittelsatzes (die äußerst heikle Pedalisierung, welche viele Pianisten an die Sensibilitätsgrenze ihres Fußgelenks treibt), scheint gegenstandslos. Polyphone Strukturen bilden die Substanz des Werkes, ohne sich in dieser Interpretation allzu sehr aufzudrängen – auch die Fuge bezieht ihre eruptive Kraft eher aus der reichen und farbigen Harmonik denn aus ihrer kontrapunktischen Faktur. Der Gipfelpunkt wird durch eine Überlagerung der Hauptthemen aller drei Teile gebildet: ein Moment von höchster Klanggewalt, dessen Vielhaber in jedem Moment Herr ist. Kontrolle und Emotionalität gelangen hier zu einer ausgewogenen Synthese.

Der 1923 geborene und vor zwei Jahren verstorbene Viktor Kalabis wird nur Spezialisten der zeitgenössischen Musik ein Begriff sein, obgleich sein musikalisches und philosophisches Oeuvre eine eingehendere Beschäftigung durchaus rechtfertigt.

Der Komponist schrieb die Akcenty op. 26 als Zyklus von Ausdrucksstudien für das Klavier; die längste der acht Miniaturen dauert dreieinhalb Minuten, die kürzeste gerade einmal fünfzig Sekunden. Ich vernehme in diesen Stücken ein buchstäbliches Kaleidoskop pianistischer Effekte, Anschlagsarten und Vortragscharaktere; Extreme der Dynamik, des Tempos und der Artikulation werden auf engstem Raum kombiniert, wobei kaum eines dieser ‘Mini-Universen’ (Gerhard Vielhaber) einheitlich im Gestus erscheint. Lyrische, auch tonal gefestigte Kantabilität und schneidender Schmerz (Nr. 4) finden ihren Platz, genau wie rasende Motorik in der Einstimmigkeit (Nr. 5) oder tief empfundene Ruhe (Nr. 6). Im Beiheft schildert der Pianist seinen sehr persönlichen Zugang zu dieser Musik – dies verleiht dem Tonträger eine Individualität, die bei kommerziellen Produktionen selten ermöglicht wird.

Nach diesen musikalischen Aphorismen beschließt die CD ein zweites großformatiges Werk von epischem Gehalt. Legato und Linienführung der weit ausschweifenden Ecksätze von Robert Schumanns Phantasie op. 17 sind berückend schön gestaltet, und zwar in jeder dynamischen Abstufung. Der kapriziöse Mittelsatz, ein unverkennbarer Schumann in seinem beharrlich punktierten Rhythmus, birgt allerdings die Gefahr eines Verharrens in diesem kaum variierten metrischen Topos – und dieser entgeht Vielhaber mit seiner sehr zurückhaltenden Agogik nicht vollständig.

Eine Stärke des durchweg leisen Finales ist wiederum die Pedalisierung, denn der Pianist weiß das una corda auf raffinierte und subtile Weise mit dem Klang der frei schwingenden Saiten zu kombinieren.

Gerhard Vielhabers Spiel kann sich auch in aufnahmetechnisch konservierter Form durchaus mit einer Live-Darbietung messen. Die Musikalität des Pianisten teilt sich unmittelbar mit, und auch ohne ihn beim Spielen sehen zu können, wird äußerste Zurückhaltung bei der Vermischung der musikeigenen Ausdruckswerte mit interpretatorischer Selbstinszenierung spürbar. Hier hört man ein künstlerisches Bekenntnis von beeindruckender Natürlichkeit, bei dem Kategorien wie Fingerfertigkeit und technisches Vermögen nicht zur Diskussion stehen. Zahlreiche Neben- und Pedalgeräusche stören keinesfalls, sondern festigen vielmehr den Eindruck einer aus dem Moment geborenen Interpretation. Und mir bleibt schließlich die Empfehlung, diesen Pianisten gelegentlich auch im Konzert zu erleben.

Wendelin Bitzan |  klassik.com, 14.02.2008

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Vielhaber [gibt sich] mit seiner ersten Solo-CD als Musiker von ausgeprägten Einfühlungsvermögen in die Kontrastprogramme der gewählten Aufgaben zu erkennen.
Geschmeidig, dabei keineswegs mit geölter, fettiger Sanglichkeit spürt er den Wellenbewegungen des Franck-Préludes nach, lässt sich tragen, ohne in Selbstvergessenheit dem hohen Cholesteringehalt dieser prä-choralen Gedanken zu verfallen. Mit gutem Benehmen fixiert Vielhaber im Folgenden die durch riskantes Übergreifen der linken Hand zu treffenden Spitzentöne. In manchen Einspielungen und Konzert-darbietungen – etwa von Evgeny Kissin und Grigory Sokolov (Schwetzingen 22.05.2001) – erhalten diese Arpeggio-Gipfel durch spitzen, ja martialischen Zugriff den Geräuschwert splitternden Glases (ein in diesem Fall, aber auch allgemein bei Franck unangemessenes, zumindest problematisches Verfahren).

Vielhaber also konturiert hier maßvoll, artikuliert alles Verlangte bis hin zum erlösenden, strahlenden Fugen-Ende unter Vermeidung jeder Art von gestalterischer Extravaganz, wobei es ihm dennoch gelingt, die mittlere Vortragshitze jederzeit als die passendste dem Hörer ans Ohr zu legen. Weniger umständlich formuliert: Vielhaber überzeugt mich mit seiner noblen, umsichtig aus den Zonen des Diskreten heraus gesteigerten Franck-Belebung. Und er weiß auch Neues, Ungehörtes wie die acht kleinformatigen Akzente des 1923 geborenen Viktor Kalabis’ so plastisch auszuformen, dass man schon bei der ersten lauschenden Fühlungnahme über die formalen und technischen Nuancen hinaus einen Eindruck vom Spannungs- und Mitteilungsgehalt des gesamten Zyklus’ gewinnt.

Die im Umfeld der beiden genannten Werke hervorgehobenen Vorzüge von Vielhabers Klavierspiel erweisen sich auch im Verlauf der Schumann-Fantasie als gutes Fundament einer persönlichen, in den technischen Reizzonen beherrschten Vortragsstrategie. Vielhaber bindet und verbindet, lässt sich nicht verleiten, technische Hürden gleichsam sportlich zu überwinden – und er entgeht damit der Gefahr, etwa in den Sprungkombinationen gegen Ende des zweiten Satzes Leidenschaftlichkeit mit reiner, frecher Treffsicherheit zu verwechseln. Eine insgesamt ansprechende, für die Zukunft einiges versprechende Aufnahme.

Peter Cossé |  klassik-heute.de

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Als Jugendlichen hatten ihn die acht Miniaturen des tschechischen Komponisten Viktor Kalabis in „Angst und Schrecken versetzt“. Nun spielt Gerhard Vielhaber selbstbewusst den Zyklus von Ausdrucksstudien für Klavier unter dem Titel Akcenty auf seiner Debüt-CD. Damit wagt er sich gleich an eine Ersteinspielung.
Dass er mittlerweile für das einstige Pflichtstück für einen Wettbewerb eine Leidenschaft hegt, wird hörbar. Hier kann er mit allen pianistischen Finessen ausgestattet den individuellen Charakter jedes einzelnen Stückes herausarbeiten. Der 1923 geborene Komponist zeichnet ein musikalisches Kaleidoskop mit polarisierenden dynamischen Ausbrüchen: Einiges mutet impressionistisch an, anderes – wie etwa das fünfte Stück – erinnert an den expressiven Gehalt des Player Pianos von Nancarrow. Es verwundert nicht, im Booklet zu lesen, dass diese Stücke dem mittlerweile 25-Jährigen geholfen haben, „emotional aus sich herauszugehen“. Vielhaber hat sich freigeschwommen.

Auch Schumanns „Fantasie“ gestaltet er aus dem Inneren heraus. Umsichtig meistert er die Hürden des Prélude, Choral et Fugue von César Franck. Hilfreich ist hier sein erstaunliches Gespür für Artikulation und Gestaltung. Konnte er sich in den Akcenty emotional austoben, vermeidet Vielhaber hier übertriebene Gesten, zu denen die emphatische Entwicklung des Préludes, die arpeggierten Akkorde im Choral und die barocke Fuge schnell verleiten könnten.
Vielhaber ist ein umsichtiger Pianist, der es dennoch versteht, emotional gehaltvoll zu agieren. Die Einspielung lässt erwartungsvoll in die Zukunft des jungen Pianisten schauen.

A. Renczikowski | Piano News 01/08

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